Weisheitszähne: Wann müssen sie wirklich raus?

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Die Weisheitszähne sind die dritten und damit letzten Backenzähne im Kiefer. Bei den meisten Menschen befindet sich jeweils im Unter- und Oberkiefer auf beiden Seiten ein Weisheitszahn. Oft brechen sie als letzte Zähne im Mund durch – typischerweise in einem Alter zwischen 16 und 25 Jahren. Doch in unserem Kiefer haben sie heutzutage nicht mehr ausreichenden Platz. Sie lösen daher oft Beschwerden aus und sollten dann entfernt werden. apropos erklärt, wann dieser Eingriff notwendig ist und was es zu beachten gilt.

Die meisten unserer bleibenden Zähne wachsen in der Kindheit. Die Weisheitszähne beginnen allerdings erst zu wachsen, wenn alle Milchzähne verschwunden sind. Im medizinischen Jargon werden sie oft als „Achter“ bezeichnet, da es sich bei ihnen um den achten Zahn – ausgehend von der Mitte der Zahnreihe – handelt. Normalerweise sind bei jedem Menschen im Gebiss noch vier Weisheitszähne angelegt, in jedem Gebissquadranten einer. Meistens brechen sie erst im Erwachsenenalter, teilweise gar nicht durch. Manchmal geht das unauffällig und unspektakulär von statten, manchmal sehr schmerzhaft. „Sie sind ein Relikt aus alter Zeit. Unsere Vorfahren hatten einen deutlich größeren Kiefer und daher mehr Platz für vier weitere Zähne. Diese haben sie auch benötigt, denn sie haben eine andere, nämlich unverarbeitete Nahrung zu sich genommen. Ihre harte, oft zähe und ungekochte Kost benötigte mehr Kraft beim Zerkauen, weswegen die Weisheitszähne und der kräftigere Kiefer ihren Zweck hatten. Doch im Laufe der Zeit ist der menschliche Kiefer kleiner geworden. Die Ernährung, jetzt eher gegart und weicher, hat sich verändert. Für eine gesunde Kaufunktion sind die Weisheitszähne heutzutage überflüssig“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Frank Hölzle, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen. Die Weisheitszähne finden daher heute bei ihrem Erscheinen eine bereits vollständige Zahnreihe vor. Versuchen sie diese zu durchzubrechen, können sie sich aufgrund des Platzmangels nicht immer problemlos eingliedern.

Wann eine operative Entfernung sinnvoll ist
Während Zahnärzte, Oralchirurgen und Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie früher eher „kurzen Prozess“ bei dem Thema Weisheitszähne machten und häufiger auch alle „Achter“ mal vorsorglich operativ entfernten, agiert die Zahnmedizin heutzutage differenzierter: „Das Entfernen gesunder Zähne, die bei dem Patienten keinerlei Beschwerden verursachen, hat für ihn keinen gesundheitlichen Vorteil. Wir treffen die Entscheidung, ob eine Weisheitszahn-OP durchgeführt werden sollte, nach einer gründlichen klinischen Untersuchung und einer zusätzlichen Bestandsaufnahme durch ein Röntgenbild. Dabei gilt es, Nutzen und Risiken gemeinsam mit den Patienten und gegebenenfalls den Eltern abzuwägen“, so Prof. Hölzle. Grundsätzlich lassen sich mehrere Gründe definieren, wann eine OP sinnvoll ist.  Eine OP-Indikation besteht, wenn die Weisheitszähne aufgrund ihrer Lage nicht zu pflegen sind. Dadurch können sie beispielsweise Karies bekommen und gehen mit der Zeit kaputt – oft unter starken Schmerzen. Eine Entfernung ist auch sinnvoll, wenn die Weisheitszähne durchbrechen, aber die falsche Stellung im Kiefer haben. Dann besteht keine Chance, dass sie die Kauebene erreichen können. Dieser Fall kann auch in Kombination mit einer Schiefstellung auftreten. Die Weisheitszähne brechen halb durch und versuchen bis zur Kauebene hochzukommen, werden aber durch den Nachbarzahn blockiert.

Störung des Durchbruchs der Weisheitszähne ohne erreichen der Kauebene mit chronischen Entzündungen

Das Risiko von Entzündungen steigt: Das Zahnfleisch liegt nur halb über dem Zahn und es bildet sich eine kapuzenförmige Zahnfleischtasche, in der sich Bakterien festsetzen. Es entsteht eine Zahnfleischtaschenentzündung im Bereich der Weisheitszähne mit unangenehmen Folgen: Druck auf den Kiefer und die benachbarten Zähne, Schmerzen, Eiterbildung, Schluckbeschwerden, Mundöffnungseinschränkungen und schlimmstenfalls bildet sich ein Abszess. Es kann noch ein weiterer häufiger Grund, der aber in der wissenschaftlichen Literatur etwas umstritten ist, angeführt werden. Weisheitszähne sollten auch entfernt werden, wenn sie schief im Kiefer liegen und die vorderen Zähne zusammendrücken, wodurch sie diese Zähne verschieben. Haben die Patienten beispielsweise vorher eine erfolgreiche kieferorthopädische Behandlung gehabt, gefährden die Weisheitszähne das über Jahre aufwendig gepflegte und wohl ausgeformte Gebiss.

Ein weiterer unzweifelhafter Grund für die Entfernung eines Weisheitszahns ist die Bildung einer Zyste, die langsam um die im Knochen liegende Krone des Zahns wächst und den Kiefer so stark schwächen kann, dass dieser bricht. Auch können sich zystische Veränderungen im Bereich der Zähne bösartig verändern, weshalb eine Entfernung des Zahnes und eine feingewebliche Abklärung des Gewebes angezeigt sind.

Zystenbildung um den retinierten und verlagerten Unterkieferweisheitszahn 38

„Sind eines oder mehrere der Szenarien erfüllt, sollten Patienten mit Ihrem Zahnarzt besprechen, ob eine operative Entfernung der Weisheitszähne sinnvoll ist. Dieser kann den Befund im Zweifel mit einem Röntgenbild absichern und das weitere Vorgehen planen. Betroffene sollten nicht versuchen, die Beschwerden auszusitzen. Denn je älter man wird, desto schwieriger wird es. Die Wurzeln können mit dem Knochen verwachsen und sogenannte Ankylosen bilden. Grundsätzlich ist es am besten, die Weisheitszahn-OP noch in jungen Jahren durchzuführen, da die Zähne ihre Wurzeln noch nicht vollständig ausgebildet haben und eine Entfernung daher noch einfacher ist. Ist dieser Prozess abgeschlossen, sind die Zähne besser verankert und eine Entfernung wird aufwendiger“, erklärt Prof. Hölzle. Da die Wurzeln vieler Weisheitszähne mit zum Teil sehr weitreichenden Verästelungen im Kieferknochen sitzen, sollte nur ein versierter Zahnarzt, Oralchirurg oder ein Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie den Eingriff durchführen. Liegen die Zähne in der unmittelbaren Nähe zum Unterkiefernerven, der das Gefühl in der Unterlippe und Wange vermittelt, ist die Entfernung bei einem Spezialisten obligat.

Stark retinierte und verlagerte Weisheitszähne mit direktem Nervkontakt im Unterkiefer

Die OP selbst kann in der Regel unter örtlicher Betäubung und auf Wunsch des Patienten mit einer Kurznarkose durchgeführt werden. Sind keine Komplikationen erkennbar, kann der Patient gemeinsam mit seinem Behandler entscheiden, ob er alle vier Zähne gleichzeitig in einer Sitzung entfernen lässt. Dieser Eingriff wird in der Regel unter Narkose erledigt. Die Kosten für eine Vollnarkose übernimmt die Krankenkasse allerdings nur, wenn eine medizinische Notwendigkeit dafür besteht. Entscheidet der Patient sich für diesen Weg, ist nur ein Termin notwendig, allerdings hat er aber für eine gewisse Zeit vier Wunden gleichzeitig im Kiefer und muss sich noch ein wenig stärker beim Essen und Trinken einschränken. Wählt man den „2-Etappen-Weg“ entfernt der Arzt die „Achter“ im oberen und unteren Quadranten in örtlicher Betäubung auf der einen und zwei Wochen später auf der anderen Seite. „Für die ganz Tapferen ist auch die Entfernung aller vier Weisheitszähne in einer Sitzung unter lokaler Betäubung möglich“ führt Prof. Hölzle mit einem Schmunzeln im Gesicht aus.

Die richtige postoperative Wundpflege
Grundsätzlich wird der behandelnde Arzt nach dem Eingriff erklären, was in dem eigenen speziellen Fall wichtig ist. Doch einige allgemeine Tipps haben sich etabliert: In der frischen Wunde bildet sich ein sogenannter Blutpfropf. Er verschließt die offene Wunde und fördert die Bildung eines neuen Bindegewebes und neuer Knochenmasse. Patienten sollten darauf achten, diesen nicht zu entfernen. In den ersten zwei bis drei Tagen sollten daher keine heißen Getränke wie Tee oder Kaffee getrunken werden. Der Einsatz von Schmerzmitteln und die richtige Kühlung des Gesichts (kein Eis!) lindern die postoperativen Beschwerden. Auch für den Essensplan gelten Regeln: Grundsätzlich sollten Betroffene sehr vorsichtig essen und krümelige und körnerhaltige Speisen sowie Nüsse meiden. Gute Alternativen sind Suppen, breiförmige Speisen und generell weiche Lebensmittel. Ihre Zahnpflege sollten Betroffene direkt wieder fortführen und den OP-Bereich dabei zunächst aussparen. Mundspüllösungen können sie vorsichtig ab dem ersten Tag nach der OP benutzen. Um Nachblutungen zu verhindern, sollten Patienten zu Beginn körperliche Anstrengungen und Sport vermeiden. Schlafen mit leicht erhöhtem Oberkörper bei 20 bis 30 Grad Neigung ist empfehlenswert. Rauchen ist in dieser Phase ebenso Tabu, denn das Nikotin ist extrem giftig für das operierte Gewebe, es erhöht die Gefahr einer gestörten Wundheilung. „Die vollständige Heilung dauert einige Wochen für das Weichgewebe bis einige Monate für den Knochen. In den ersten ein bis zwei Wochen sollte aber in der Regel eine insoweit ausreichende Heilung eingetreten sein, dass sich die Betroffenen wieder wohlfühlen können. Und das Beste an allem: Im Gegensatz zu Haifischen wachsen diese Zähne beim Menschen nicht nach“, sagt Prof. Hölzle.

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