Meterhoch wachsen Bäume nebeneinander und strecken ihre Äste dem Himmel entgegen. Doch zwischen den Baumkronen bleibt ein Abstand, sie berühren sich nicht. Vom Boden aus wirkt dieses Muster beinahe kunstvoll. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Crown Shyness, die Schüchternheit von Baumkronen. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Sicher ist nur: Obwohl die Bäume Teil eines Waldes sind, halten sie Abstand. Ein Sinnbild unserer Zeit?
Noch nie zuvor war es so einfach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und dennoch fühlen sich viele einsam. Ein Gefühl, das sich weder vom Smartphone wegwischen noch ausschalten lässt. Dabei ist Einsamkeit kein Randphänomen. Sie kann Menschen jeden Alters betreffen und dabei nicht nur in der leeren Wohnung, sondern auch in der vollen Fußgängerzone, der gut gefüllten Bahn oder mitten am Familientisch entstehen. „Soziale Beziehungen sind das, was uns als Menschen ausmacht und zusammenhält. Als soziale Wesen sind wir auf Begegnungen und Bindungen emotional angewiesen. Diese Unterstützung wirkt unmittelbar auf unsere körperliche und psychische Gesundheit ein“, erklärt Univ.-Prof. Dr. rer. soc. Ute Habel, Leiterin des Instituts für Translationale Neurowissenschaft und Klinische Psychologie an der Uniklinik RWTH Aachen.
Wenn Kontakte fehlen
Allerdings bedeutet Alleinsein nicht automatisch auch einsam sein. „Wir definieren Einsamkeit als das wahrgenommene Missverhältnis zwischen den sozialen Beziehungen, die man sich wünscht, und jenen, die man hat. Dabei geht es weniger um die Anzahl als um die Qualität“, so Prof. Habel. Manche Menschen fühlen sich trotz weniger Kontakte gut eingebunden, während andere sich selbst in Gesellschaft einsam fühlen. „Einsamkeit und soziale Isolation sollte man zwar begrifflich unterscheiden, können sich aber gegenseitig bedingen, da wenige soziale Kontakte oder fehlende soziale Integration das Risiko für Einsamkeit erhöhen können“, so die Expertin. Es handelt sich dabei häufig um einen schleichenden Prozess, der sich über eine längere Zeit entwickeln und dauerhaft einstellen kann.
Zusammen allein
Während sich Familienstrukturen und Arbeitswelten wandeln, können soziale Beziehungen brüchiger werden. Heutzutage leben wir mobiler und individueller als früher. Nicht jeder wird dadurch einsam, doch Beziehungen zu pflegen oder neue Kontakte zu knüpfen wird oft schwieriger. Lange galt Einsamkeit vor allem als emotionale Belastung. Inzwischen weiß man, dass die Folgen weitreichender sein können. „Wer sich dauerhaft einsam und ausgeschlossen fühlt, leidet unter chronischem Stress mit all seinen schädlichen Konsequenzen und einem Verlust der Lebensqualität“, sagt Prof. Habel. Viele ziehen sich zurück, vermeiden aus Unsicherheit weitere Begegnungen und geraten in einen Teufelskreis.
Kleine Gesten, große Wirkung
Wer an Lösungen denkt, hat oft große Gesten vor Augen. Tatsächlich beginnt Verbundenheit häufig im Kleinen. Ein kurzer Plausch beim Bäcker oder der Smalltalk im Park können bereits das Gefühl stärken, Teil einer Gemeinschaft zu sein. „Personen mit starker Einsamkeitsbelastung verlieren oft das Vertrauen in andere Menschen. Einsamkeit wird damit zu einer gesellschaftlichen Herausforderung“, erklärt die Psychologin.
Die Antwort darauf besteht jedoch nicht in der Verordnung von Gemeinschaft. „Vielmehr braucht es Orte der Begegnung und Unterstützung.“ Wie die Bäume auf dem Cover sind auch Menschen Teil eines größeren Ganzen. Sie brauchen vielleicht nicht ständig Gesellschaft, aber das Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit. Und vielleicht kann man genau dort ansetzen: indem der Abstand zwischen zwei Menschen nicht größer wird als der schmale Spalt zwischen zwei Baumkronen.
Infokasten 1:
Einsamkeit kann Menschen in jeder Lebensphase treffen. Eine Befragung der
Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 unter rund 2.500 jungen Menschen
zwischen 16 und 30 Jahren zeigte: Knapp die Hälfte (46 Prozent) fühlten sich
einsam. Rund 35 Prozent gaben eine moderate, etwa 10 Prozent eine starke
Einsamkeitsbelastung an. Besonders betroffen waren junge Erwachsene zwischen 19
und 22 Jahren, Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund sowie Personen mit
niedrigerem Bildungsabschluss.
Infokasten 2:
Dass Einsamkeit nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist, zeigt der Blick ins Ausland. Bereits 2018 wurde in Großbritannien erstmals ein eigenes Ministerium für Einsamkeit geschaffen. Ziel ist es, die gesundheitlichen und sozialen Folgen von Einsamkeit und Isolation in den Fokus zu rücken. Auch Japan diskutiert seit Jahren über soziale Isolation und Einsamkeit. Bekannt sind dort die Begriffe „Hikikomori“ und „Kodokushi“. Als Hikikomori werden Menschen bezeichnet, die sich über Monate oder sogar Jahre fast vollständig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Kodokushi bedeutet wörtlich „einsamer Tod“ und beschreibt Menschen, die isoliert leben und oft erst Tage oder Wochen nach ihrem Tod entdeckt werden. Die Regierung richtete 2021 ein eigenes Ministeramt gegen Einsamkeit und soziale Isolation ein. Auch hierzulande wird Einsamkeit zunehmend als gesellschaftliche Herausforderung verstanden. Mit der „Allianz gegen Einsamkeit“ bündelt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend konkrete Angebote und Orte gegen Einsamkeit. Ziel ist es, Einsamkeit vorzubeugen und Orte der Begegnung zu schaffen.








