Schmerztagebuch: für ein besseres Verständnis der Schmerzsymptomatik

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Tag für Tag leiden Millionen Deutsche unter chronischen Schmerzen. Um herauszufinden, welche Faktoren den Schmerz beeinflussen und wie wirksam bestimmte Schmerztherapiemaßnahmen sind, kann ein Schmerztagebuch hilfreich sein. Inwieweit die Dokumentation der Schmerzen für Patientinnen und Patienten, aber auch für die behandelnden Ärztinnen und Ärzten aufschlussreich sein kann, erläutert Univ.-Prof. Dr. med. Martin Mücke, Direktor des Instituts für Digitale Allgemeinmedizin der Uniklinik RWTH Aachen, im Gespräch mit apropos.

Dauerhafte oder immer wiederkehrende Schmerzen können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Was für die meisten Außenstehenden nur schwer nachvollziehbar ist, kann für die Schmerzpatientinnen und -patienten zur Tortur werden. „Wie stark die Schmerzen sind und wie sehr die Betroffenen leiden, ist für die meisten nur schwierig zu vermitteln“, weiß Prof. Mücke.  

Dabei ist laut dem Allgemeinmediziner Schmerz sehr wohl messbar: „Wir arbeiten in solchen Fällen mit einer individuellen Schmerzskala, anhand der sich zeigen lässt, wie intensiv die Schmerzen zu einem bestimmten Zeitpunkt sind und welche Faktoren auf sie einwirken“, so der Experte. 0 steht für keinen Schmerz, zehn für den stärksten vorstellbaren Schmerz, vergleichbar mit Durchbruchschmerzen bei Krebspatienten, Vernichtungsschmerzen bei einem Herzinfarkt oder Geburtsschmerzen. Für eine erfolgreiche Schmerztherapie bei chronischen Schmerzen ist die richtige Diagnose eine unverzichtbare Voraussetzung, die ohne eine umfassende und zeitaufwendige Anamnese, auch Schmerzanalyse genannt, nicht möglich ist.

Schmerzen messen und dokumentieren
Ein Schmerztagebuch ist ein wichtiger und unerlässlicher Therapiebegleiter für jeden Betroffenen und eine große Hilfe für den Arzt. „Mit dem Führen eines Schmerztagebuches lernen die Patientinnen und Patienten ihren Schmerz kennen“, erklärt Prof. Mücke. „Denn dadurch können sie sich verschiedene Faktoren, die auf ihr Schmerzerleben einwirken, richtig bewusst machen.“

Die Dokumentation in Schmerztagebüchern ermöglicht es dem behandelnden Arzt, rückblickend den Therapie- und Symptomverlauf zu beurteilen. Die Tagebücher sollten möglichst frühzeitig, bereits einen Monat vor Behandlungsbeginn, begonnen und zu den jeweiligen Therapieterminen mitgebracht werden. „Damit die Angaben nicht zu allgemein ausfallen und ständige Wiederholungen vermieden werden, sollten die Angaben täglich unabhängig von den vorangehenden Eintragungen immer wieder aktuell und neu vorgenommen werden“, empfiehlt der Mediziner.

Vorteilhaft ist es, wenn die Beobachtungen und Empfindungen rückblickend für vier Tagesabschnitte (morgens, mittags, abends und nachts) notiert werden, möglichst im Zusammenhang mit schmerzverstärkenden Ereignissen wie Stress, Ärger oder körperlichen Belastungen oder aber mit positiv schmerzreduzierenden Vorkommissen oder Verhaltensweisen.

Was gehört ins Schmerztagebuch?
Mithilfe eines Schmerztagebuchs können Patientinnen und Patienten ihre Schmerzen selbst einschätzen, dokumentieren und mögliche Schmerzverstärker identifizieren. Neben wichtigen Informationen zum Schmerzverhalten können weitere Angaben zum Medikamentenbedarf, zur Medikamentendosierung und zum Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme sowie Aussagen über Stuhlgang, Schlaf, allgemeines Wohlbefinden und Aktivitäten gemacht werden. Patientinnen und Patienten, bei denen der Schmerzort variiert, können im Dokument außerdem den schmerzenden Bereich markieren.

Der Einfluss äußerer Anlässe auf die Schmerzverstärkung ist nicht immer unmittelbar nachzuweisen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, auch solche Ereignisse – wie zum Beispiel Ärgernisse oder besondere Belastungen – unabhängig vom Auftreten der Beschwerden einzutragen. „In der Sprechstunde besprechen wir dann im Rahmen einer sogenannten Situationsanalyse gemeinsam mit den Betroffenen die Beobachtungen, um das Verhalten besser verstehen und einordnen zu können“, erklärt der Experte.

Aber auch eine unmittelbare Aufzeichnung des Gemütszustands ist grundsätzlich sinnvoll, um die gegenseitige Beeinflussung einzelner Einschätzungen nachzuvollziehen und folglich zu vermindern.

Schmerzempfinden ist subjektiv
Eines sollte immer berücksichtigt werden: In puncto Schmerzintensität gibt es keine absoluten Werte. Vielmehr ist es individuell ganz unterschiedlich, wie stark das Schmerzempfinden einer Person ist. „Bei chronischen Schmerzen liegen uns keine eindeutigen Werte in Form von Zahlen vor, beispielsweise wie beim Fieber- oder Blutdruckmessen, um den Zustand zu beurteilen. Nur die Betroffenen selbst sind in der Lage, ihre Beschwerden in ihrer Stärke zu beschreiben“, so Prof. Mücke. Daher können Mediziner nur einschätzen, inwieweit eine therapeutische Maßnahme den Schmerz lindert. Eine Schmerzskala sowie das Führen eines Schmerztagebuchs dienen dabei der Verlaufs-, Therapie- und Erfolgskontrolle.

Verbesserung der eigenen Einflussnahme
„Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Schmerz und die tägliche bewusste Auseinandersetzung mit diesem Thema durch das Führen eines Tagebuchs, weckt anfänglich bei vielen Patienten die Frage, ob dadurch die Schmerzen nicht verstärkt werden können“, weiß Prof. Mücke aus Erfahrung. Doch solche negativen Effekte von Tagebüchern konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Ganz im Gegenteil: „Die Praxis zeigt, dass diese Selbstbeobachtungen vielmehr zu einer schmerzreduzierenden Verhaltensweise beitragen.“ Zusammenhänge zwischen dem Schmerzleiden und dem eigenen Verhalten werden so früher erkannt, und durch das Führen des Tagebuchs und die Besprechung der Aufzeichnungen mit dem Arzt kann die eigene Einflussnahme auf den Schmerz glücken. Somit dienen solche Schmerztagebücher dem Ziel der Verbesserung der eigenen Einflussnahme auf den Schmerz und sind ein essenzieller Bestandteil der Schmerztherapie. „Die Betroffenen fühlen sich weniger machtlos und erhalten so das Gefühl, etwas selbst in die Hand nehmen und erreichen zu können“, resümiert Prof. Mücke. 

Ein Beispiel für ein Schmerztagebuch für Patientinnen und Patienten der Uniklinik RWTH Aachen finden Sie hier.

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