Der Wunsch nach einem langen Leben boomt. Dank moderner Technik scheint er greifbarer denn je. Doch was sagt die Wissenschaft dazu? Im Gespräch erklärt Stammzellbiologe Prof. Wolfgang Wagner,
warum wir eigentlich altern und weshalb das Ziel nicht ein längeres,
sondern ein besseres Leben sein sollte.
Prof. Wagner, warum beschäftigt uns das Älterwerden so stark?
Prof. Wagner: Alterung ist ein unaufhaltsamer Prozess, den wir ständig in unserer Familie und am eigenen Leib nachverfolgen können. Zudem steigert die zunehmende Verwendung von Smartwatches oder Fitness-Tracking das Bewusstsein über diesen Vorgang. Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass der Drang, sich ständig selbst zu optimieren, auch schnell zur Belastung werden kann.
Warum altern wir überhaupt?
Prof. Wagner: Darüber gibt es zwei größere Theorien. Die eine sagt: Unser Körper funktioniert wie eine Maschine, und im Laufe der Zeit nutzt er sich eben etwas ab. Die andere Theorie beschreibt das Altern eher als einen programmierten Prozess im Körper. Wahrscheinlich steckt in beiden Theorien ein bisschen Wahrheit. Es ist durchaus denkbar, dass Alterung einen evolutiven Vorteil für unsere Art darstellt, da somit der Generationenwechsel mit einer Neukombination des Erbguts sichergestellt wird. Falls es ein Programm gibt, so ist es bisher noch nicht verstanden.
Man unterscheidet zwischen chronologischem und biologischem Altern. Was ist damit genau gemeint?
Prof. Wagner: Das chronologische Alter im Ausweis sagt meist wenig darüber aus, wie alt jemand tatsächlich ist. Es zeigt eigentlich nur die Jahre, die vergangen sind. Entscheidend für unser biologisches Alter ist vielmehr, wie fit die Zellen im Körper wirklich sind und das lässt sich inzwischen recht gut abschätzen.
Unter Ihrer Federführung haben Forschende epigenetische Uhren beschrieben. Die Studie zeigt, dass man solche DNA-Muster nicht nur messen, sondern vielleicht sogar beeinflussen kann. Wie
funktioniert das genau?
Prof. Wagner: Epigenetische Uhren sind sozusagen kleine chemische Markierungen auf der DNA, die zeigen, wie weit der Alterungsprozess fortgeschritten ist. Wir wissen, dass bestimmte Markierungen auf der DNA mit zunehmendem Alter zu- oder abnehmen. Wenn diese Veränderungen schneller auftreten, lässt sich das häufig mit einem erhöhten Risiko für altersbedingte Erkrankungen in Verbindung bringen. Durch den Einsatz der CRISPR-Technologie konnten wir DNA-Muster an bestimmten Genorten so bearbeiten, dass diese Veränderungen auch an anderen altersrelevanten Stellen in der DNA sichtbar wurden. Das könnte bedeuten, dass sich der Alterungsprozess prinzipiell beeinflussen lässt. Bis wir das aber gezielt und sicher anwenden können, wird es noch dauern und es muss natürlich ethisch begleitet werden.
Viele Menschen hegen den Wunsch, das Altern aufzuhalten. Ist das realistisch?
Prof. Wagner: Ich glaube nicht, dass es darum gehen sollte, 120 oder 150 Jahre alt zu werden. Viel entscheidender ist es, Krankheiten so früh wie möglich zu erkennen oder noch besser zu verhindern. Wenn man es ganz praktisch betrachtet, wäre Unsterblichkeit für die Entwicklung der Weltbevölkerung fatal. Die Frage sollte daher nicht lauten: „Wie verhindern wir das Altern?“, sondern: „Wie führen wir ein langes Leben in guter körperlicher und geistiger Gesundheit?“ Wer gut schläft, sich bewegt, Stress reduziert und ausgewogen isst, kann sein biologisches Alter auch ohne Labor und Pillen auf einfache Weise beeinflussen.
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang Wagner ist Direktor des Instituts für Stammzellbiologie an der Uniklinik RWTH Aachen. Das Institut erforscht die molekularen Regulationsmechanismen bei der Spezialisierung von Zellen des menschlichen Körpers.









