Wie Karin Schnitzler seit zehn Jahren mit einem künstlichen Herzunterstützungssystem lebt und warum sie trotz aller Herausforderungen jeden Tag feiert.
„Wenn du unten in der Prosektur liegst, hast du einen Zettel am Zeh. Solange das nicht der Fall ist, ist alles gut.“ Mit diesem Satz bringt Karin Schnitzler ihr Lebensmotto auf den Punkt. Die 65-Jährige aus dem Dürener Raum trägt seit zehn Jahren ein HeartMate-III-System, ein Linksherzunterstützungssystem (Left Ventricular Assist Device, kurz: LVAD) für Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz. Das System entlastet ihr Organ, Tag für Tag, seit zehn Jahren. Und Karin? Sie hat ihren Humor nicht verloren, schmunzelt und sagt: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch stärker. Nur die Harten kommen in den Garten, denn die Weichen liegen unter den Eichen.“
Vom Infarkt zur Entscheidung fürs LVAD
„Am Anfang, in den frühen Jahren, da war noch alles in Ordnung“, erzählt Karin, die früher selbstständig war. „Doch dann kam der Stress: lange Arbeitstage, wenig Zeit, Kaffee und Zigaretten – und dann war da der Infarkt“, kommentiert sie trocken. „Man hat alles Mögliche mit unterschiedlichsten Medikamenten ausprobiert. Bis zu einem Tag im Dezember. Das weiß ich noch genau.“ Plötzlich lag Karin in ihrer Wohnung auf dem Boden und war nicht mehr ansprechbar – ihr Mann rettete ihr das Leben. „Er hat mich wieder zurückgeholt.“ Sie sagt es nicht dramatisch oder pathetisch, eher wie etwas, das man zur Kenntnis nimmt. Nach Wochen auf der Intensivstation und einem implantierbaren Defibrillator war klar: Ohne weitere Hilfe würde sie Weihnachten nicht überleben. „Das Herz war halt einfach kaputt, und kaputt geht nun mal nichts mehr. ‚Entweder Sie lassen sich ein LVAD implantieren oder Sie erleben Weihnachten womöglich nicht mehr‘, sagte der Arzt damals. Ein schlagendes Argument, oder?“, kommentiert Karin – und ein Satz, der alles veränderte. Sie entschied sich für das Linksherzunterstützungssystem und wurde in der Klinik für Herzchirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen operiert. Damals war es der erste Einsatz dieses Systems in NRW im Rahmen der Normalversorgung, heute ist es eines der bewährten Systeme. Die OP verlief gut. Ein neues Leben mit Kabeln, Akkus und Technik – und mit einer guten Portion Augenzwinkern. „Ich wollte eigentlich kurz vor meinem Geburtstag im November wieder zu Hause sein. Das hat nur leider nicht ganz wie geplant geklappt“, sagt sie schmunzelnd. „Ich kam zwei Tage später an – aber immerhin. Sonst wäre ich von meiner großen Katze wahrscheinlich wieder angefaucht worden, warum ich denn so lange nicht mehr zu Hause war.“
Leben mit dem HeartMate-III
Seit zehn Jahren begleitet das Gerät die Katzenliebhaberin und hat ihren Alltag verändert. Schwimmen oder Sauna sind tabu, und auch beim Duschen muss man aufpassen, dass kein Wasser ins System gelangt. „Außerdem sollte man immer schön vorsichtig sein, wenn man am See ist und nur mal kurz die Füße nass machen möchte, damit man ja nicht ausrutscht und dann selbst in der Brühe landet.“ Und die Technik? „Ich habe immer meine Tasche dabei, 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Da habe ich einen regen Verschleiß“, witzelt die Mitte sechzigjährige, während sie ihr nicht gerade leichtes Täschchen zurechtrückt, „und das Schwerste da drin ist nicht mein Portemonnaie.“ Die Akkus des Herzunterstützungssystems halten je nach Zustand und Alter rund 12 bis 17 Stunden. Morgens auswechseln, abends auswechseln. Sollte der Akku unterwegs einen niedrigen Ladestand erreichen, wird die LVAD-Trägerin mit einem Piepton darauf hingewiesen und hat rund 20 Minuten Zeit, ihn zu wechseln. Auch die Angehörigen werden angeleitet, wie sich die Akkus austauschen lassen, um im Fall der Fälle einen kühlen Kopf zu bewahren. „Viele Angehörige haben es oft schwerer als wir Betroffenen“, sagt sie. Karin zeigt amüsiert auf ihr Ladegerät: „Ich warte nur darauf, dass die Dinger induktiv geladen werden können. Dann bin ich die Erste, die ruft: ‚Hier, ich will das gerne haben!‘“, sagt sie. Sie nimmt es gelassen. „Das größte Problem war am Anfang tatsächlich die Tasche. Man steht vom Sofa auf, geht los – und zack, da hängt ja noch was an mir dran.“ Zuhause hat sie Haken angebracht, spezielle Ablagen gebaut oder Routinen entwickelt. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und wenn nicht, dann ist da eben ein Haken.“ Heute ist es für Karin Routine. Und wenn der Alarmton ertönt? „Dann wissen alle: Moment, das kann nur Karin sein.“
Zwischen Boule und Pokémon
Karin hat sich ihr Leben zurückerobert. „Das Line-Dancing ist leider mit zu viel Gehüpfe verbunden, aber unsere Boule-Gruppe im Dorf macht mir Freude. Einmal die Woche treffen wir uns auf dem Sportplatz und spielen ein paar Runden.“ Und wenn die Wetterbedingungen mal nicht mitspielen? „Dann planen wir zum Beispiel kurzfristig um und setzen uns mit Kaffee und Kuchen ins Sportheim“, berichtet sie freudig. „Außerdem bin ich mit meinem sechs Stundenkilometer schnellen Rollator mit Getränke- und Handyhalterung gut ausgerüstet.“ Im Laufe der Zeit hat sie angefangen, mithilfe einer Smartphone-App digitale Pokémon zu jagen, denn „jedes Mal irgendwo in ein Café zu gehen, das wird mir auf Dauer zu teuer“, gibt sie mit einem Lächeln zu. Außerdem engagiert sie sich in Selbsthilfegruppen. „Ich habe selbst so viel Hilfe erfahren und möchte diese gerne weitergeben – egal ob es Tipps für den Alltag sind oder für die bürokratischen Aspekte.“
Mit Kabel im Bauch und Humor im Herzen
Wenn man Karin gegenübersitzt, denkt man an Vieles, nur nicht an Schwere. „Ich bin halt ein klinikumartiges, wiederkehrendes Ereignis, und meine gute Laune kann man mir nicht nehmen“, sagt sie. Mehrfach hat sie das Leben entschlossen beim Schopfe gepackt und ist nicht bereit, es loszulassen. „Eines Mittags, als ich mal den Nachwuchs einer Freundin vom Kindergarten abgeholt habe, fragten mich die Kinder: ‚Warum geht denn ein Kabel in den Bauch?‘ Und nach kurzer Erklärung kam direkt die Anschlussfrage: ‚Darf ich dann mal dein Herz in der Hand halten?‘“ Karin lacht, wenn sie das erzählt. „Kinder sind so herrlich direkt.“ Vor ein paar Jahren zog sie mit ihrem Mann von der zweiten Etage ins Erdgeschoss mit großem Garten. Von ihrem Partner erzählt sie liebevoll, aber charmant-ironisch: „Er hat eine Narbe am Kopf und macht sich Gedanken, wenn er zum Friseur geht. Da muss man halt zu stehen und fertig.“ Krankenhäuser mag er gar nicht, trotzdem besucht er sie in der Uniklinik. „Da muss man ihn schon fast hinprügeln“, scherzt sie. Jeden Abend telefonieren die beiden – Rituale, die das Paar zusammenschweißen.
Mut, Schwäche und klare Gedanken
Man merkt schnell: Karin ist positiv, aber nicht naiv; selbstironisch, aber nie verbittert. Sie weiß, dass sie lebt, weil eine Maschine ihr Herz unterstützt. Ihr ist bewusst, dass morgen anders sein kann als heute und wie nah Licht und Schatten manchmal beieinanderliegen. Die nüchterne, unaufgeregte Lebensweise ist ihre Art, dem Leben ins Gesicht zu lachen. „Natürlich hat man auch schon mal den ein oder anderen Durchhänger, und an einem dieser Tage dachte ich: Vielleicht sollte ich mal den Pastor rufen. Einfach so pro forma.“ Sie grinst. „Aber wenn der mich da oben nicht will, gut so. Ich kenne da sowieso keinen.“ Im Dezember 2025 stand eine größere Operation an. Vereinfacht gesagt musste ein Schlauch ausgetauscht werden. „Damit bekam ich meine Art von Verlängerung. Fußballer bekommen schließlich auch ihre Verträge verlängert. Nur ich bekomme dafür nicht so viele Millionen.“ Angst? „Man darf sich keinen Kopf darüber machen, was alles schiefgehen kann. Negatives Denken versaut einem nur das Leben.“ In solchen Momenten weiß Karin, dass ihr Leben fragil ist. Deshalb hat sie vorab – aus Klarheit, nicht aus Angst – gemeinsam mit ihrem Mann alles geregelt, was Vollmachten, Versicherungen oder das Testament betrifft. Aber das Wichtigste ist für sie ohnehin nicht das Organisatorische, sondern eine Haltung: „Ich lebe. Das ist alles, was zählt.“
Herzerkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität und sind im schlimmsten Fall lebensbedrohlich. Wenn Medikamente und Verhaltensumstellungen nicht mehr helfen, sind operative Eingriffe oft die letzte Möglichkeit. Auf unserem apropos-Gesundheitsportal haben wir Ihnen Informationen zu den bekanntesten Operationen am Herzen sowie zu Herzunterstützungssystemen zusammengestellt.












